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Schurwolle ist das wichtigste Material der Teppichknüpferei. Sie wird dem lebenden Schaf abgeschoren, traditionell im Frühjahr, wenn das Winterfell seine volle Länge erreicht hat. Die Qualität der Wolle hängt stark von der Region ab: Schafe aus Hochlandregionen – etwa im iranischen Zagrosgebirge, in den afghanischen Bergen oder in Ostanatolien – entwickeln durch das raue Klima eine besonders dichte, fetthaltige Wolle. Das natürliche Wollfett, das Lanolin, macht die Faser geschmeidig, schmutzabweisend und außerordentlich strapazierfähig.
Eine Sonderstellung nimmt die sogenannte Kurkwolle ein. Sie stammt aus der Schulter- und Halspartie junger Schafe und gehört zum Feinsten, was die Teppichwelt kennt: weich, glänzend und zugleich widerstandsfähig. Persische Manufakturen, etwa in Nain oder Isfahan, verwenden Kurkwolle für ihre hochwertigsten Stücke.
Nach der Schur durchläuft die Rohwolle mehrere Arbeitsschritte. Zunächst wird sie gewaschen, um Schmutz, Pflanzenreste und überschüssiges Fett zu entfernen – ein bewusst behutsamer Vorgang, denn ein Rest Lanolin soll in der Faser bleiben. Anschließend wird die Wolle gekämmt oder kardiert, damit die Fasern parallel liegen. Dann folgt das Spinnen: Aus dem losen Faservlies entsteht ein fortlaufender Faden. In Nomaden- und Dorfregionen geschieht das bis heute teilweise von Hand, mit der Handspindel oder dem Spinnrad. Handversponnene Wolle ist nie vollkommen gleichmäßig – genau diese feinen Dickenunterschiede nehmen die Farbe beim Färben unterschiedlich stark auf und verleihen dem fertigen Teppich seine lebendige, changierende Oberfläche. Maschinell versponnene Wolle ist gleichmäßiger und wird vor allem in Manufakturteppichen mit sehr regelmäßigem Schriftbild eingesetzt. Beides hat seine Berechtigung; der Charakter des Teppichs ist ein anderer.
Was viele nicht wissen: Der sichtbare Flor ist nur die halbe Wahrheit eines Teppichs. Darunter liegt ein Gewebegerüst aus Kett- und Schussfäden, in das jeder einzelne Knoten eingebunden wird. Für dieses Grundgerüst verwenden die meisten Manufakturen Baumwolle. Sie ist reißfest, formstabil und verzieht sich kaum – ein Teppich mit Baumwollkette liegt auch nach Jahrzehnten noch plan auf dem Boden. Die Fransen an den Schmalseiten eines handgeknüpften Teppichs sind übrigens nichts anderes als die Enden dieser Kettfäden: Sie werden nicht angenäht, sondern sind ein konstruktiver Teil des Teppichs.
Bei Nomadenteppichen, etwa vielen afghanischen oder südpersischen Stücken, besteht häufig auch die Kette aus Wolle – schlicht, weil Wolle das Material war, das den Knüpferinnen und Knüpfern unmittelbar zur Verfügung stand. Solche Teppiche sind etwas weicher im Griff und erzählen von ihrer Herkunft abseits der großen Manufakturzentren.
Seide ist die feinste und kostbarste Faser der Teppichkunst. Sie wird aus dem Kokon des Maulbeerspinners gewonnen: Die Raupe spinnt einen Faden, der mehrere hundert Meter lang sein kann und vorsichtig abgehaspelt wird. Weil Seidenfäden extrem dünn und zugleich sehr reißfest sind, erlauben sie Knüpfdichten, die mit Wolle unerreichbar wären. Reine Seidenteppiche – berühmt sind etwa die Stücke aus der iranischen Stadt Ghom oder feine türkische Hereke-Teppiche – erreichen eine Detailgenauigkeit, die an Malerei erinnert. Häufiger als reine Seidenteppiche sind Teppiche mit Seidenakzenten: Hier werden einzelne Musterelemente in Seide geknüpft, die sich glänzend vom matteren Wollflor abheben.
Ein wichtiger Hinweis für Käufer: Nicht alles, was glänzt, ist Seide. Im Handel kursieren Begriffe wie „Kunstseide" oder „Seidenglanz" – dahinter verbergen sich meist merzerisierte Baumwolle oder Viskose. Diese Materialien sind nicht grundsätzlich schlecht, aber sie sind keine Seide und deutlich weniger haltbar. Seriöse Händler benennen das Material präzise.
| Färberpflanze | Farbton / Wirkung |
|---|---|
| Krapp | Die Wurzel der Krapppflanze liefert das klassische Teppichrot – von warmem Ziegelrot bis zu tiefem Weinrot, je nach Konzentration und Alter der Wurzel. |
| Indigo | Aus den Blättern der Indigopflanze entsteht das berühmte Blau. Indigo gilt als einer der lichtechtesten Naturfarbstoffe überhaupt – jahrhundertealte Teppiche zeigen oft noch ein erstaunlich kräftiges Blau. |
| Reseda und Färberkamille | Diese Pflanzen liefern warme Gelbtöne, die auch als Grundlage für Grün dienen – Grün entsteht traditionell durch das Überfärben von Gelb mit Indigo. |
| Walnussschalen | Die grünen Fruchtschalen der Walnuss ergeben satte Brauntöne. |
| Granatapfelschalen | Sie liefern Gelb- bis Olivtöne und werden in vielen Regionen auch zum Abdunkeln verwendet. |
| Cochenille | Der einzige bedeutende tierische Farbstoff – aus der Cochenille-Schildlaus wird ein kühles, leicht violettstichiges Rot gewonnen, das vor allem in feinen persischen Stadtteppichen vorkommt. |
| Merkmal | Woran erkennt man Handarbeit? |
|---|---|
| Die Rückseite | Bei handgeknüpften Teppichen ist das Muster auf der Rückseite klar und knotengenau zu erkennen. Jeder Knoten ist einzeln sichtbar, das Knotenbild leicht unregelmäßig. |
| Die Fransen | Sie sind die Enden der Kettfäden und laufen aus dem Teppich heraus. Angenähte Fransen deuten auf Maschinenware hin. |
| Der Flor | Biegt man den Teppich, werden die einzelnen Knotenreihen sichtbar. Eine Latex- oder Gewebebeschichtung auf der Rückseite verrät einen getufteten Teppich. |
| Kleine Unregelmäßigkeiten | Leichte Abweichungen im Muster, nicht ganz exakte Symmetrie und Abrasch sind Zeichen von Handarbeit – perfekte Gleichförmigkeit spricht für die Maschine. |
| Das Material | Echte Wolle fühlt sich warm und leicht fettig an; reine Synthetik wirkt glatt und kühl. Im Zweifel hilft die präzise Materialangabe eines seriösen Händlers. |